Sonntag, 27. November 2011

"Sie können hier jetzt nicht spazieren gehen!"

sagt die weißhaarige Dame im dunkelblauen Kostüm zu mir, als ich meiner Oma und ihrem Lebensgefährten in die Cafeteria des Seniorenheimes folge. Dabei schaut sie Frau Schmitt, die ich an der Leine führe, in einer Mischung aus Missbilligung und Neugier an. 
Ich dagegen gucke die Frau ein wenig verwirrt an - hatte mir doch wenige Minuten zuvor eine Pflegeschwester mit lachenden Augen Herzlosigkeit vorgeworfen, als ich überlegte, den Hund während unseres Mittagessens im Zimmer meiner Oma zu lassen. "Der kennt doch hier gar nichts, da wird der ganz traurig. Nehmen Sie den mal schön mit zum essen!"
Und nun wird mir das von ihrer Kollegin verboten?

Eine Mitarbeiterin der Cafeteria, die das wohl beobachtet hat, kommt zu uns, fordert mich lächelnd auf, meiner Oma an den Tisch zu folgen - mit Hund! - und sagt zu der blau gekleideten Dame "Und Sie setzen sich schnell an Ihren Tisch, Frau Seibert. Da erwartet man Sie schon!"
Bei der Essensausgabe klärt sie mich dann auf, dass Frau Seibert früher Lehrerin war und heute demenzkrank ist. "Da versucht sie manchmal noch, für Ordnung zu sorgen."

Als ich an diesem Wochenende meine Oma und ihren Lebensgefährten in ihrem neuen Zuhause besuche, lerne ich einige demenzkranke Menschen kennen. Es ist nicht meine erste Begegnung mit dieser Krankheit, doch mit jedem Mal erschrickt sie mich aufs neue. 
Das Seniorenheim, in der meine Oma und ihr Willi nun wohnen, verteilt sich auf 4 Etagen, alle sind verbunden durch ein hübsch gestaltetes Atrium. Auf einer Etage gibt es eine große Vogelvoliere, von der man eifriges Gezwitscher durchs ganze Haus hört. Auf einer anderen Etage treffe ich auf ein großes Terrarium, in dem drei hübsche, langhaarige Kaninchen wohnen. Überall gibt es sehr schöne Pflanzen, kleine Sitzecken, Bücherregale, und pünktlich zum ersten Advent ist das ganze Haus weihnachtlich geschmückt. 
Trotzdem ist mir ständig bewusst, dass meine Oma nun im Seniorenheim wohnt und ständig huscht mir "Die letzte Station" durch den Kopf.


Seit 6 Wochen lebt sie nun hier. Ihr Zimmerchen ist klein und darum hat sie nur wenige private Dinge aus ihrer Wohnung, in der sie 33 Jahre gelebt hat, mitbringen können.
Sie selber sagt, sie habe es sich so ausgesucht, sich gut eingelebt und genieße es tatsächlich, sich nun um nichts mehr kümmern zu müssen. Sie muss nicht mehr kochen und putzen, wird von sehr freundlichem Pflegepersonal umhegt und fühle sich wohl.
So wirklich kann ich das kaum glauben. Meine Oma war immer sehr auf ihre eigene Ordnung bedacht und auch ihre Eigenheiten hat sie ausgiebig und gerne gepflegt. Ich hatte immer den Eindruck, dass es nur wenige Menschen gibt, mit denen sie sich auf einer Stufe sieht, oft hatte sie einen etwas überheblichen Zug an sich, wenn Leute um sie herum eine andere Bildung haben oder einfach nur anders leben als sie.
Und nun will sie sich wohl fühlen zwischen all den Menschen, mit denen sie sich nicht mehr "normal" unterhalten kann?
Andererseits bin ich froh, dass sie versucht, sich zu integrieren und sich in ihrem neuen Leben einzurichten. Es mag egoistisch klingen, aber es nimmt mir ein bisserl dieses "Schreckgespenst Abstellgleis" - zumal kaum eine andere Möglichkeit bestanden hätte, da unsere Lebensräume nicht nur 320 Kilometer trennen.

Frau Schmitt spendet an diesem Tag im Seniorenheim einfach durch ihre pure Anwesenheit Freude. Es ist wahnsinnig schön für mich, zu sehen, dass durch fast apathisch wirkende Gesichter ein Lächeln zieht, wenn ich mit dem Hund durch die Räume gehe oder auf einen Kaffee mit meiner Oma im Gemeinschaftsraum der Etage sitze. Viele liebevolle Hände strecken sich meinem Fellmonster entgegen und sie genießt die Streicheleinheiten, während sie ganz schnell herausfindet, dass unter den Stühlen der streichelnden Hände der ein oder andere Krümel zu finden ist.

Ich beobachte längere Zeit eine Dame im apricotfarbenen Pullover, die unermüdlich am Geländer des Atriums auf und ab marschiert. Dabei redet sie unaufhörlich und das wenige, das man versteht, klingt sehr nach Schimpftirade. Meine Oma erzählt mir, dass auch diese Frau demenzkrank ist. Wenn man sie anspricht, erzählt sie, dass sie bald wieder nach Hause fährt zu ihrer Mama und ihrer Tante. Vorher war sie nun aber noch auf dem Friedhof, dort musste schließlich gegossen werden, macht ja sonst keiner.
Obwohl ich diese Frau gar nicht kenne, macht mich das Gehörte sehr traurig - oder ist der Segen dieser Krankheit etwa doch, dass man irgendwann unweigerlich in ein Stadium kommt, wo man in seiner eigenen Welt lebt und das Drumherum kaum mehr mitbekommt?
Als wir später auf dem Weg zu Omas Zimmer an dieser Frau vorbei kommen, bleibt sie strahlend vor Frau Schmitt stehen, beugt sich zu ihr herunter und sagt mit ganz klarer Stimme "Na, wer bist Du denn? Wen besuchst Du denn hier?"
Ich habe nie an der Bedeutsamkeit von Therapiehunden gezweifelt - nun erlebe ich hautnah, wie wertvoll Tiere hier sind. Das macht mich widerum richtig glücklich und vor lauter Freude knuddel ich meinen Hund in Omas Zimmer erst mal ordenltlich durch!

Es ist ein Tag voller Höhen und Tiefen für mich.
Ich erlebe sehr engagiertes Pflegepersonal und ein schönes Haus, in dem man sich wohl fühlen kann. Ich freue mich für Willi, meinen "Ersatz-Opa", der vor 10 Tagen ein hübsches Zimmer gleich gegenüber dem meiner Oma mit einem großen  Panoramafenster und wunderschönen Blick auf die Stadt bezogen hat. Setze mich mit ihm raus auf den riesigen, überdachten Balkon, wo wir händchenhaltend reden und schweigen und raus in die Natur schauen, die Willi so sehr liebt.
Als ich ihn frage, ob er sich auch eingelebt habe in diesem neuen Zuhause und er antwortet "ich habe ja keine Wahl" - da zieht sich mein Herz wieder zusammen...

Ziemlich ermattet fahre ich mit Schmitti am späten Nachmittag ins Hotel.
Wir machen noch einen schönen Spaziergang entlang der Nagold, durchpusten tut nun so gut!
Den Abend beschließe ich mit Pizza, Bier, viel zu vielen Zigaretten und einem winzigen Fernseher auf dem Hotelbett.

Als ich heute vormittag nochmal bei meinem beiden Seniorenheimlern vorbeischaue, bevor ich den Heimweg antrete, weiß ich, dass es gut war, hier gewesen zu sein.
Sie haben sich gefreut, mich zu sehen, haben die Zeit genossen. Und auch ich habe neben all diesen merkwürdigen Gedanken im Kopf ein entspanntes Gefühl im Bauch.

13 Meinungen:

  1. Macht schon traurig, was Du schreibst.
    Ja, den beiden geht´s gut, sie werden umsorgt. Aber es ist eben die letzte Station.... Sicher ein ganz komisches Gefühl für Dich.

    Ich drück Dich mal ganz dolle!

    Gela

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  2. Irgendwie beschleicht mich hier beim Lesen ein bedrückendes Gefühl... und ich kann es voll und ganz nachvollziehen wie du dich fühlst...

    Sicherlich wird es wirklich die "letzte Station" für deine Oma sein, aber wenn sie sich da wohl fühlt und für sie gesorgt wird - sie sich um nichts mehr groß kümmern muss ... so eine große Erleichterung/Hilfe wird ihr sonst nirgends geboten...

    nutze die Möglichkeiten deine Oma zu besuchen so oft du es kannst und lasse Erinnerungen am Leben ..

    Fühl dich mal lieb gedrückt - auch unbekannter weise

    Ich

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  3. So wunderschön geschrieben..so liebevoll ...und doch ..ach ..es bleibt ein ziehen im Herzen ..also so beim lesen ..aber trotzdem ... ....irgendwie bittersüss dein Post!

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  4. Meine Mutter kümmert sich um Demenzkranke, so dass ich schon viel darüber gehört habe.

    Es ist so schwierig.

    Und wenn ich deinen Text lese, dann schieben sich die Tränen in die Augen.

    Aber ja... Fellnasen sind so wichtig.

    Meine Mutter hatte meinen Hund mal einige Tage und nahm ihn immer mit, wenn sie zu den Demenzkranken ging.

    Eine Frau, die sich wirklich, sobald sie sich umdrehte, nicht mehr wusste, wer da war, kam Wochen später zu ihr und sagte:

    "Hören Sie. Ich kenne Sie nicht, aber haben Sie nicht einen schwarzen Hund?"

    Fand ich schön.

    Drück dich!

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  5. Ach Briddah,
    ich finde es auch gut und wichtig und richtig, dass Du sie besucht hast ! Ich denke mir oft, wie es wohl sein wird, wenn ich alt bin ? Wird es jemanden geben, der für mich entscheiden kann, wenn ich es selbst nicht mehr könnte ? Ich denke, Deine Oma ist eine sehr vernünftige Frau, es so entschieden zu haben, aber das heisst nicht, dass es dadurch leicht wäre.

    Sicher ist es für jeden eine große Umstellung, sein komplettes Lebensumfeld zu ändern und auf seine Gewohnheiten zu verzichten oder diese zumindest umzustellen. Und sicher macht es auch traurig, um sich herum Krankheit und Tod zu sehen.

    Aber es ist schon eine enorme Erleichterung, sich körperlich mehr schonen zu können, weil man eben nicht mehr putzen muss, und dass man eben neue Menschen um sicher herum hat, mit denen man sich unterhalten kann, wenn einem danach ist.

    Ich denke, es ist so wichtig, dass man sich nicht alleine fühlt und Hilfe hat. Und immerhin scheint Deine Oma in einem guten Heim zu sein, wo man sich kümmert. Andere Heime gibts zur Genüge.

    Erst neulich hatte ich den Bericht im TV gesehen über ein schweizer Heim, wo sie eben Tiere halten, damit Demenzkranke wieder aus ihrer Apathie aufwachen und die Senoiren können sich auch selbst um die Tiere kümmern. Da gibt es einen Streichelzoo und Katzen laufen herum. Menschen bringen Therapiehunde mit, die intuitiv spüren, dass sie Hilfe geben sollen und sogar Lamas werden gehakten und gemeinsam Gassi geführt. Du hättest mal sehen sollen, wie die Menschen aufgeblüht sind !

    Ich denke ja nach wie vor, dass Tiere die besseren Menschen sind, aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls ´glaube ich, dass es vielleicht ganz gut ist, dass Demenzkranke ihre eigene Welt haben und es Fachleute gibt, die sich um sie kümmern.

    Und solche Erlebnisse machen einem doch wieder bewusst, wie endlich unser Leben ist und dass wir es jeden Tag geniessen sollten !

    Hab eine sonnige Woche und knutsch Schmitti von mir !

    Deine Eve

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  6. Ich würde ja gerne was schreiben, aber ich kann grad nix sehen, meine Augen schwimmen a weng und ausserdem würde ich sicher doch nur unser Mamst zitieren.
    Es wird einem schon schwer ums Herz, aber Deine Omma kennt sich ja nun schon ein paar Jährchen, sie wird genau wissen, was ihr guttut und hey, sie hat Willi ;).
    Wenn ich mir so anschaue, wie sie da auf dem Balkon sitzt, denke ich auch, daß Du da noch öfter zu Besuch sitzen wirst.

    Ich drück Dich und Schmitti!

    Nicole

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  7. Ich hab auch Tränen in den Augen. Man ist so hin und her. Ist das wirklich gut für jemanden, der eigentlich noch so fit ist? Würde man das selbst wollen? Ich glaube man kann das erst nachvollziehen, wenn man selbst in dem Alter ist. Und Tiere sind gut, egal wie krank jemand ist.

    Bei Kaninchen im Terrarium hab ich erst gedacht, da ist auch ´ne Schlange mit drin.

    Ach ja und Hut ab vor dem Pflegepersonal. Ob die wohl manchmal denken: "So möchte ich nicht enden?" Aber man kann es sich leider leider nicht aussuchen.

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  8. Das ist das Leben würde ich sagen. Meine Oma hat in ihren eigenen vier Wänden dahinvegitiert, umringt von ihren Söhnen, die es für nicht wichtig hielten sie in solch eine Endstation zu geben, wo man sich gut um sie gekümmert hätte. Wo der Weg in die Natur einfache gewesen wäre. Nun vor kurzem ist sie endlich erlöst worden.

    Deine Oma ist noch fit und erkennt ihr "Glück" nichts mehr tun zu müssen, einen Partner gegenüber zu haben. Sieh es von der positiven Seite. Und wenn auch der Anfang dort bestimmt schwer ist, vor allem wenn man klaren Verstandes ist, so ist solche eine Lösung zu klaren Zeiten die bessere, als diese Menschen, wenn sie schon abwegig sind umzubetten.

    Und tiergestützte Therapien kann ich nur empfehlen. Setzt den "alten" mal ein Huhn in die Cafeteria und sie werden schelgen in der Erinnerung an früher.

    Ich wünsche Dir eine schöne Zeit mit Deiner Oma und deiner Oma eine schöne bewusste Zeit mit ihrem Lebensgefährten.

    LG Anette

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  9. Ach Frau Nicht-Schmitt, das geht ans Herz. Und an die Nieren. Schon Ihr letzter Post bezüglich der Oma'schen Wohnung, der geistert mir seit Wochen immer mal wieder durch den Kopf.

    Ans Altwerden mag man in unserem Alter ja noch gar nicht so recht denken, aber wenn man einmal jemanden auf diese "letzte Station" begleitet hat, dann wird man diese eine Frage nicht mehr los: Was bleibt von uns, wenn wir mal nicht mehr sind?

    Mir zumindest geht es so.

    Danke für diesen nachdenklich machenden Post, mit Kloß im Hals grüßt und winkt

    die Frau aus der Vorstadt

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  10. Ach Frau Nicht-Schmitt, da habe sie aber meine Tränendrüse grad ein wenig gereizt *räusper*...Ja, ich kenn dein Gefühl, bei mir ist das nur leider keine Oma mehr, sondern meine allerliebste Patentante...und die will halt auch immer heim (ihr altes Zuhause ist das Haus meiner Eltern, früher halt meiner Großeltern)..tja, nee...Demenz ist schon arg...
    Ach, und nun muss ich dich auch kurz drücken...und deiner Oma geht es da bestimmt gut,...verzorgt und auf sie gepasst und...du kommst vorbei und ihr Liebster in der Nähe....das ist bestimmt ein guter Platz für sie!
    Liefs,
    maren

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  11. Huhu liebe Frau Schmitt,
    .... *schluchz* das macht mich völlig fertig. Auf der einen Seite sehe ich die absolute Notwendigkeit dieser Entscheidung und auf der anderen Seite flüstert die kleine Stimme in meinem Kopf" Bitte, bitte lieber Gott lass mich genau so alt werden, daß ich frei und unbeschwert meinen Aufenthaltsort wählen kann und lass nicht zu, daß es so endet..." Ein schwieriges Thema ohne allgemeingültige Lösng.
    Ich wünsch Deiner Oma noch viiiel Lebensfreude und positive Erlebnisse und Dir noch eine tolle Zeit mit ihr.
    LG Myriam

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  12. im moment kämpfe ich eh wieder mit diesem "meine-eltern-werden/müssen-die-nächsten-sein-gefühl"... oma und opa gingen, als die urenkel kamen.oma lag in einem pflegeheim, anders ald gedacht. papa pflegte sie acht (!!!) jahre daheim. jeden abend und am wochenende 3mal am tag war dann meine mum dort. der dank??? beschimpfungen ohne ende! wirklich böse... als ich mal 2tage "vertretung" machte, hörte ich mir das dann an und zerbrach. wir konnten alle nicht. im heim "wachte" sie dann auf, zu spät. besucht haben wir sie täglich, ich machte immer eiersalat. das schlechte gewissen war immer present. 10jahre haben meine eltern ihr leben bei seite gestellt. auch das muss man sich vor augen halten. nun ruhen sie schon 10jahre in frieden. les ich das hier, kommt alles hoch. das heim klingt toll. so was "nettes" gibts hier noch nicht. nur meine freundin. die plant in gedanken ein villa kunterbunt mit senioren, tieren und "leihenkelkindern". DRÜCKE DICH

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